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Phänomen Augengespenst

Augengespenster sind keine mystischen Erscheinungen beim Sehen, sondern ein physiologisches Phänomen, was Goethe wissenschaftlich deutete. Hierbei dient als Beispiel sein "Bild eines Mädchens in umgekehrten Farben, gezeichnetes Nachbild in Komplementärfarben" aus dem Jahre 1795/1805. Dieses basiert auf einer Anekdote, bei der Goethe das Abbild eines zuvor gesehenen Mädchens als Augengespenst auf einer weißen Wand wieder fand.

"Als ich gegen Abend in ein Wirtshaus eintrat und ein wohlgewachsenes Mädchen mit blendendweißem Gesicht, schwarzen Haaren und einem scharlachrothen Mieder zu mir in's Zimmer trat, blickte ich sie, die in einiger Entfernung vor mir stand,  in der Halbdämmerung scharf an.
Indem sie sich nun darauf hinwegbewegte, sah ich auf der mir entgegenstehenden weißen Wand ein schwarzes Gesicht, mit einem hellen Schein umgeben, und die übrige Bekleidung der völlig deutlichen Figur erschien von einem schönen Meergrün."  Goethe, Zur Farbenlehre, 1810

Nachbilder sind physiologische Tätigkeiten des Auges, bei denen gesehene Erscheinungen auf neutralen Flächen in komplementären Farben wieder auftauchen. Goethe deutete als erstes dieses Phänomen als eine Aktivität des gesunden Gesichtssinns. Somit wurden Nachbilder nicht mehr als Schwäche des Körpers, sondern als positive Tatsachen des Sehens aufgefasst.
Es ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, ob und wie wir Augengespenster wahrnehmen.
Im Gegensatz zu Newton, der die Farbe als objektive physikalische Erscheinung ansah, stellt die Farbe für Goethe ein subjektives Wahrnehmungsphänomen dar. 


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